Interview

Interview:  Jörg Engelsing spricht mit Karin Karina Gerlach, erschienen im „Sein“ Berlin im Mai 2014

Hinter jedem Schmerz steckt ein schmerzhafter Gedanke

Letztendlich beruht unser Leiden darauf, dass sich in unserem Denk-System bestimmte Glaubenssätze verstecken, die wir noch nicht erkannt und hinterfragt haben – behauptet Karina Gerlach. Der Weg, sich von diesen Glaubenssätzen und damit vom Leiden zu befreien, muss aber kein langer und anstrengender Prozess sein, sondern verlangt nur eines: kompromissloses Einlassen auf die Untersuchung dessen, was wir für Wirklichkeit halten. Jörg Engelsing sprach mit Karina Gerlach.

Du sagst, dass hinter jedem Schmerz ein schmerzhafter Gedanke steckt. Was meinst du damit?

Schmerz ist das emotionale Echo eines Trennungs-Gedankens. Der Glaube an die Trennung (von Mutter, Vater, Gott und der Welt) ist der unbewusste menschliche Ur-Schmerz und die Ur-Sache für Leiden. Er manifestiert sich durch Glaubenssätze, die als solche meist nicht erkannt sind. Um die Trennung als Illusion zu durchschauen und genau dadurch Befreiung zu erfahren, gibt es eine einfache Verfahrensweise, nämlich die Glaubenssätze umzukehren und zu schauen, ob die Umkehrungen auch wahr sind. Dabei beginnt ein tiefes Fallen in mich selbst hinein, wo sich diese Trennung durch bewusstes Sein auflöst. Es ist die Reise in die Nichtdualität des Seins.

Dein Weg, diese Umkehr einzuleiten, ist Byron Katies „The Work“. Ich habe das jetzt auch schon oft gemacht und gesehen, dass sich dabei ein weiterer Raum auftut und Entspannung einstellt. Nur: Wirklich verändert hat sich dadurch nichts. Woran kann das liegen?

Veränderung passiert, wenn du die Umkehrungen wichtiger nimmst als den schmerzhaften Glaubenssatz, das, was du ewig geglaubt hast. Wenn du in den Umkehrungen verweilst, also dort, wo mehr Frieden ist, mehr Freiheit, dann kann etwas Mysteriöses passieren. Was sich zunächst im Kopf befindet, hat die Möglichkeit tiefer zu sinken. Der Frieden kann von deinem ganzen physischen Wesen erfasst werden. Körper und Bewusstsein ist eins. Manche machen die Work, bleiben aber im Kopf. Sie verpassen das meditative Aussitzen, die innere Stille, die bewusster Frieden ist. Sie folgen einem Glaubenssatz, der als solcher nicht erkannt ist und so bleiben sie an der Oberfläche des weltlichen Lebens, wo die selbst-aggressive Emotion der Trennungs-Angst regiert. Sie äußert sich weiter durch Verletzt-sein, Ärger, Unruhe, Juckreiz, Trauer, bis hin zur Depression. Da hilft nur aus Liebe zur Wahrheit weiter machen, die Umkehrungen zu fühlen und bereit zu sein, jeden Wunsch loszulassen, der dem entgegensteht. Die Fragen führen jeden, der bereit ist zu folgen, aus seinem schmerzlichen Verstand heraus. Und zwar auf eine so geniale Weise, dass er gar nicht merkt, wie er sich auflöst. Der Verstand ist dumm, konditioniert, weil er glaubt, was er schon immer geglaubt hat, ohne dass es mit Intelligenz hinterfragt wurde.

Dumm bedeutet, dass er aus sich selbst heraus nichts Neues schaffen kann.

Genau das kann er nicht. Und wenn du die Fragen, aus denen die Work besteht, beantwortest, dann löst sich die Dummheit des Verstandes auf, der Schmerz, der sich darin verbirgt. Es heißt nicht, dass du dann nicht mehr denken kannst. Was sich auflöst, ist die menschliche Dummheit an schmerzlichen Sätzen zu kleben, die nicht selbst bewusst hinterfragt sind. Das ist ein wunderschöner Prozess, in dem die Intelligenz der Liebe erwacht.

Und dann ist der Verstand nicht mehr Ausdruck der schmerzlichen Gedanken, sondern ist Ausdruck der tieferen Ebene, die Liebe oder Klarheit ist.

Ja, er ist Ausdruck des bewussten Seins. Kein Schmerz. Freude. Ungetrübte Lebensfreude.

Das hört sich jetzt recht leicht an. Ist es aber nicht auch einfach so – das ist jedenfalls meine Erfahrung –, dass es bestimmte Kernglaubenssätze gibt, die wiederum von anderen Glaubenssätzen gestützt werden? Ich habe so das Gefühl, dass ich nicht einfach bestimmte Glaubenssätze isoliert bearbeiten kann und dann sind sie weg, sondern sie scheinen in einem Geflecht zusammenzuhängen.

Glaubenssätze müssen nicht bearbeitet werden, Schmerz muss nicht verschwinden. Erfahre seine Essenz und es bleibt nichts als Freude. Es ist also gut, wenn schmerzliche Gedanken wiederkommen. Sie sind die Nahrung des Bewusstseins. Erinnerungssignale. Egal, welchen Glaubenssatz du im Moment vor dir hast. Die Frage ist, bringst du den Willen auf, den daran gekoppelten Schmerz, Angst, Unruhe, voll und ganz zuzulassen, tief in das, was als unangenehm eingestuft wird, hinein zu fallen oder bleibst du beim Kompensations-Mechanismus, weil du nicht bereit bist. Solange der Zusammenhang zwischen Denken, Fühlen und Handeln nicht vollkommen bewusst ist, passiert keine Befreiung.

Ich habe aber das Gefühl gehabt, dass ich das durchaus auch gemacht habe, denn ich habe ja gesehen, dass sich der Raum öffnet und die Liebe sich zeigt. Trotzdem ich sehe, dass etwas ein Glaubenssatz, also nicht die Wahrheit ist, fühle ich mich weiterhin von ihm beherrscht.

Na dann gehst du, nachdem du diese Befreiung erfahren hast, wieder zurück in das, was du gewohnt bist. Sich für das Unbekannte immer wieder neu zu öffnen erfordert wahren Mut.

Und wie kann ich die Gewohnheit durchbrechen?

Indem du willig bist, über den Umkehrungen sitzt und dort bewusst verweilst, wo mehr Freiheit ist, mehr Frieden. Das ist ungewohnt, unbekannt und Leiden ist, was du kennst. Vielleicht glaubst du auch, dass Leiden zur Erlösung führt. Ist das wahr?

Du sagst, dass wir uns überhaupt nicht mit unseren schmerzhaften und angstbesetzten Geschichten beschäftigen müssen. Dahinter stünde immer ein Glaubenssatz und die Geschichte, die daraus entstanden ist, ist nicht real.

Ja. Schmerz ist ein Stoppsignal, ein dringlicher Hinweis ihn voll und ganz zu fühlen. Das Gefühl nicht einmal Schmerz zu nennen, ist eine Abkürzung von TheWork. Du bewegst dich nicht weg davon. Es ist ein tiefes Fallen in dich selbst hinein, ein Fallen in die Unendlichkeit – und du bist immer noch hier. Das könnte eine momentane Erleuchtung im Sinne eines tiefen Friedens sein. Doch im Alltag kommt die schmerzliche Emotion oft zurück, wenn ein Gedanke als solcher nicht erkannt ist. Das ist, wie es sein soll. Die Illusion will erkannt bleiben.

Aber es gibt doch viele Dinge, die uns genau davon abhalten.

Ja. Glaubenssätze, die nicht als Irrtümer, Illusionen erkannt sind, wollen erfüllt werden. Das ist Unbewusstsein. Du bist Sklave deiner Wünsche, deiner Hoffnungen, dass es Erfüllung in der Zukunft gibt.

Wenn ich also sage: Beziehung ist mir letztendlich das Wichtigste, dann muss ich den Weg der Beziehung gehen, bis ich erkenne, dass es letztlich auch nicht das ist, was mir die tiefste Erfüllung gibt.

In diesem Fall hast du dein Leben auf dem Glaubenssatz „Ich brauche Partnerschaft, um glücklich, erfüllt zu sein“ aufgebaut. Ohne die vollständige Überprüfung, die dich hier und jetzt von dieser Vorstellung befreien könnte, ist das der lange Weg, den du gehst, um den Irrtum zu erkennen.

Was ist alles nach deiner Definition ein Glaubenssatz? Wie weit bestimmen Glaubenssätze unsere Freiheit oder Begrenztheit?

Das kann jeder selbst herausfinden. Sie beginnen mit „Ich brauche z.B. Liebe, Anerkennung, Sicherheit, Geborgenheit, Nahrung, Sex..“. Der Glaube an die menschliche Bedürftigkeit ist universell. Schmerzhafte Abhängigkeit. Klirrende Ketten der Selbst-Versklavung. Im Familienkreis überprüfen wir sie gemeinsam und erfahren Freiheit.

Der Urschmerz des Getrennt-seins spiegelt sich also in jedem Schmerz, den ich irgendwo erlebe…

In jedem Schmerz, in jeder Angst, in Traurigkeit, in jeder Wut.

Und wenn ich mich diesen ganzen Gefühlen öffne, dann rutsche ich tiefer.

Ja,wenn du für eine Weile nichts anderes tust als das. Es braucht eine gewisse Auszeit. Meistens greift aber ein Automatismus – man versucht, diesen Schmerz zu kompensieren. Beispielsweise mit Glaubenssätzen wie „Ich darf nicht wütend, traurig, voller Angst sein, ich muss mich bemühen, friedlich und freundlich sein“. Wir gehen auch Menschen aus dem Wege, die uns möglicherweise verletzen könnten. Letztendlich erhält dieser Kompensations-Mechanismus den Trennungs-Gedanken „Ich“ und damit den Ur-Schmerz am Leben.

Aus diesem Trennungs-Ich entsteht also letztendlich unsere Welt.

Ja, wenn ich glaube, ich bin getrennt, dann habe ich mich als ein separates körperliches Wesen erschaffen und alles, was ich scheinbar nicht bin, ist abgespalten und erscheint als die äußere Welt. Ich ist praktisch der Ursprung der Welt, der menschliche Ur-Knall. Ver(w)irrung.

Und weil das alles abgespalten ist und die „anderen“ Menschen und die Welt durchaus andere Meinungen und Intentionen haben als dieses Ich, fühlt es sich vom Außen potenziell bedroht.

Ja, wenn du etwas abspaltest, erscheint das Abgespaltene immer als feindlich. Trennung macht Angst und Angst kreiert die Vorstellung bedroht zu sein. Und deshalb ist die Anerkennung der Spiegelung ein wunderbares Hilfsmittel, diese Feindlichkeit zu überwinden – und alles, was ich scheinbar draußen wahrnehme, zu mir zurückzuführen. Dieses Anerkennen ist eine Vervollkommnung des Seins. Es ist der Punkt, wo sich der subjektive Blickwinkel „Ich“ öffnet bis zur Offenbarung dessen, was wirklich und wahr ist. Und da bleibt nichts mehr übrig außer Freude, Liebe, Einssein. Ich bin dann nicht mehr getrennt, nicht körperlich, doch immer noch hier.

Am Beispiel des Glaubenssatzes „Ich bin nicht in Ordnung wie ich bin“ – wie zeigt sich da die Spiegelung?

Indem du bemerkst, dass du über andere urteilst, weil du dich selbst verurteilst.

Spiegelung heißt also, dass das Außen in mir diesen Schmerz nur auslöst, weil ich mich getrennt erlebe und darum bestimmte Glaubenssätze entwickelt habe.

Spiegelung bedeutet, ich anerkenne zunächst die spontane Projektion und darin die unbewusst eingeprägten Sätze. Diese kehre ich solange um, bis sich Frieden einstellt. Die Umkehrungen sind der Schlüssel für Bewusstseins-Entwicklung – Eine wahre Evolution.

Wenn ich an Schmerz und Angst komme, zeigt sich mir das bildlich wie kleine Kinder in mir. Ich mache nichts damit, sondern lasse sie einfach nur da sein und beobachte sie. Ich sehe, dass hinter diesen inneren Kindern ein Glaubenssatz steht, beispielsweise so etwas wie „Ich fühle mich nicht sicher im Leben“. Ich hinterfrage diesen Glaubenssatz aber nicht, sondern nehme einfach nur wahr. Dann passiert Bewegung, langsame Bewegung, sehr langsam. Weil das bei mir gut funktioniert, frage ich mich: Ist die Arbeit mit Glaubenssätzen immer angesagt? Beispielsweise bei sehr traumatisierten Menschen: Ist es da nicht einfach erst einmal wichtig, Kontakt zu sich selbst zu bekommen als die Glaubenssätze des eigenen Lebens zu hinterfragen?

Die Fragen von TheWork führen nach innen, in das Wahrheits-Bewusstsein, wo sich die Opferhaltung auflöst und sich durch wahren Selbst-Kontakt Frieden offenbart. Das gilt für jeden, der bereit ist, sie zu beantworten. Manche lieben ihre Geschichte jedoch mehr als den inneren Frieden.

Auch bei traumatisierten Menschen?

Das Trauma beginnt mit dem Trennungsgedanken „Ich“. Wer bereit für die Wahrheit, die bewusstes Sein ist, wacht aus seinem Traum-a auf. Nicht das Geschehnis ist das eigentliche Problem. Durch Gedankenüberprüfung wird klar, dass es die Geschichte der Verurteilung ist, die den hauptsächlichen Schmerz verursacht und nicht die Tat, die als Missetat bewertet wird. Wenn sich die Geschichte vom Erleben löst, kann Frieden einkehren. In dem Moment, in dem wir die Geschichte als Geschichte erkennen, erwacht konstruktive Lebensfreude.

Glaubenssätze sind also die Basis für die Geschichten, die wir über unser Leben spinnen. Wenn wir diesen schlicht nicht mehr glauben, entsteht dann wirklich automatisch Freude?

Wenn Gedanken als das erkannt sind, was sie sind, Gedanken und nicht die Wirklichkeit, ist das immer Freude. In diesem Zustand ist jede Geschichte wunderbar, es gibt keine schrecklichen Geschichten mehr.

Geschichten von Folter sind jetzt nicht so lustig, da muss ich aber sehr entspannt sein…

Das ist nur, wenn du in die Interpretation springst, von den Tatsachen abweichst. Wir können und wollen die Tat nicht ändern, doch können wir die schmerzliche Geschichte drum herum überprüfen. Das ist der Moment, wo Freiheit beginnt. Du siehst dann, was an Qual noch übrig bleibt.

Was ich merke, ist: Es braucht einerseits diese Überprüfung der Gedanken und andererseits aber wirklich dieses Sein mit diesen Gefühlen.

Es ist dasselbe.

Du hast vorhin gesagt, das letztendlich nur die Realität übrig bleibt, wenn man die Glaubenssätze hinterfragt – aber wie sieht denn diese Wahrheit genau aus, die hinter den ganzen Erscheinungen und Projektionen ist?

Also, im Ich-Verstand gibt es keinerlei Wahrheit. Es gibt allerdings eine Wahrheit, eine einzige Wahrheit. Und das ist, was ich wirklich, in Wahrheit bin. Ich bin. „Ich bin“ ist universell. Bewusstsein. VollkommenSein. Wie das im Einzelfall aussieht, kann niemand wissen, bevor er nicht selbst bewusst ist.

Was ist also die äußere Welt?

Jeder sieht es selbst, der der Spiegelung vertraut. Die Welt ist eine unbewusste Projektion von mir. Sie besteht aus der eigenen gewalt-tätigen Trennungs-Angst und die Umkehr ist das Ende der Gewalt in mir. Es ist der Anfang der menschlichen Handlungs-Intelligenz, die nach außen fließt. Jeder selbst ist dafür zuständig. Das ist, was Selbst-bewusst-sein ist. Das ist gleichermaßen das Ende des so oft angeprangerten Selbstzerstörungs-Mechanismus des eigenen Körpers und des Erdkörpers, was dasselbe ist. Keine Trennung, kein Täter, kein Opfer, keine Welt. Wer selbst aufgehört hat, schmerzlich zu interpretieren, in gut und böse zu trennen, ist in der Wirklichkeit angekommen. Hier ist durch die Liebe des Einsseins Mitgefühl und Empathie die Kraft, die mich bewegt.

Aber wie weit geht das? Ich sitze hier auf dem Sofa, habe ich das auch erschaffen?

Die Frage ist spekulativ. Du wirst es sehen, wenn du dich für Frieden entscheidest, statt für Leiden. Das Sofa ist ein Bild im Verstand. Im Zustand des bewussten Seins verschwindet die äußere Welt. Sie ist Strahlung, körperliche Leere. Und wenn ein Gedanke zurückkommt, den ich glaube, habe ich die Welt wieder erschaffen und dann sitz ich wieder auf dem Sofa.

Und wer ist dann letztendlich Ich?

Ein Gedanke. Eine schöne Geschichte, die wir jetzt miteinander teilen.

Also letztendlich gibt es nur die Wahrnehmung dieser ganzen Illusion und diese Wahrnehmung ist im Grunde im jedem die gleiche.

Genau. Ich bin Eins. Ohne Anfang und ohne Ende, bis ein Gedanke dazwischen kommt.

Du benutzt oft das Wort Offenbarung, was meinst du damit?

Wenn Schmerz als spontane Interpretation und damit als unbewusste Selbst-Aggression durchschaut ist, ist die Sicht frei und klar. Hier gibt es innere Wahrnehmungen, die dem Bewusstsein entstammen. Ich nenne sie Offenbarungen, von dem, was die Welt zusammenhält. Wie auch unsere Glaubenssätze sind sie universellund von der Freude der Klarheit erfüllt. Keine Glaubenssätze. Es offenbart sich beispielsweise der Ursprung der Schöpfung oder was Gravitation ist. Offene Fragen der Wissenschaft, der Gehirnforschung oder was die Evolution betrifft, sind in sich selbst beantwortet. Das Ende des Leidens ist der Quantensprung ins Bewusstsein und darin geschehen Offenbarungen, die jeder selbst empfangen kann. Als Lehre sind sie nicht übertragbar. Kehr um, sieh selbst.